Stell dir vor, du stehst in 20 Jahren vor einer Tankstelle - und sie ist zu. Kein Benzin, kein Diesel, nur noch Ladestationen. Klingt wie Science-Fiction? In vielen Ländern ist das schon heute Realität. Die Frage, ob es in 20 Jahren noch Benzin geben wird, ist nicht mehr nur eine technische, sondern eine wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche. Und die Antwort ist klar: Benzin wird nicht verschwinden, aber es wird zur Randerscheinung.
Warum Benzin nicht plötzlich weg ist
Es gibt noch über 1,5 Milliarden Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor auf der Welt. Die meisten davon sind in Entwicklungsländern, wo Elektroautos noch zu teuer sind. In Afrika, Südostasien oder Teilen Lateinamerikas wird Benzin auch 2046 noch der Hauptkraftstoff sein. Autobauer wie Toyota oder Hyundai setzen weiterhin auf Hybridtechnik, weil sie wissen: Die Welt ist nicht gleich. Ein BMW i4 oder ein Tesla Model Y sind in Berlin oder München kein Problem - aber in Kairo, Jakarta oder Lagos? Da braucht es Zeit, Infrastruktur und Geld.
Und dann gibt es noch die alten Autos. Ein Volkswagen Golf aus dem Jahr 2010 wird nicht einfach verschwinden, nur weil ab 2035 keine neuen Verbrenner mehr zugelassen werden. In Deutschland allein sind noch über 40 Millionen Fahrzeuge mit Benzin- oder Dieselmotor zugelassen. Viele davon fahren noch 15 bis 20 Jahre weiter. Wer sagt, dass man sie nicht auch mit synthetischem Benzin betanken kann?
Was ist synthetisches Benzin?
Es gibt einen Begriff, den du wahrscheinlich noch nicht kennst: E-Fuel. Das ist kein herkömmliches Benzin. Es wird aus Wasserstoff und CO₂ hergestellt - meist mit Hilfe von Wind- oder Solarenergie. Die Technik existiert schon. In Chile baut Porsche zusammen mit Siemens Energy eine Fabrik, die jährlich 550.000 Liter E-Fuel produziert. In Deutschland forscht das Fraunhofer-Institut an ähnlichen Anlagen.
Das Problem? Es ist teuer. E-Fuel kostet aktuell drei- bis fünfmal mehr als normales Benzin. Und es braucht viel Strom: Um ein Liter E-Fuel herzustellen, brauchst du etwa 20 Kilowattstunden Elektrizität. Das ist so viel wie ein Haushalt in einer Woche verbraucht. Solange Strom knapp und teuer ist, bleibt E-Fuel eine Nischenlösung - für Sportwagen, Oldtimer oder Flugzeuge. Aber es rettet den Verbrennungsmotor vor dem Aus.
Elektroautos: Der dominante Trend
Europa hat 2035 als Stichtag festgelegt: Keine neuen Verbrenner mehr. Die USA und Kanada folgen mit ähnlichen Plänen. China, der größte Auto- und Elektroauto-Markt der Welt, hat bereits über 15 Millionen reine Elektrofahrzeuge auf den Straßen. Das ist mehr als die gesamte Bevölkerung von Spanien.
Warum läuft das so gut? Weil es billiger wird. Die Batterie kostete 2010 noch über 1.000 Euro pro Kilowattstunde. Heute liegt sie bei 120 Euro. Und sie wird weiter günstiger. Ein Nissan Leaf kostet heute in Deutschland genauso viel wie ein vergleichbarer VW Golf - und das ohne staatliche Förderung. Die Laufkosten sind ein Bruchteil: Elektrizität kostet weniger als ein Drittel von Benzin pro 100 Kilometer.
Und die Ladeinfrastruktur wächst. In der EU gibt es heute über 500.000 öffentliche Ladepunkte. In fünf Jahren werden es mehr als eine Million sein. In den USA ist jeder dritte neue Parkplatz mit einer Ladesäule ausgestattet. In Deutschland ist die Zahl der Ladestationen seit 2020 um 300 % gestiegen.
Die Tankstellen verschwinden - aber nicht überall
Im Jahr 2025 hat Shell in den Niederlanden die letzten 120 Benzin-Tankstellen abgeschaltet. BP hat in Großbritannien 400 Stationen geschlossen. In Deutschland haben TotalEnergies und Aral ihre Tankstellen langsam in Ladezentren verwandelt. Die Zeiten, in denen du am Wochenende auf einen Supermarkt-Parkplatz fährst, um Benzin zu tanken, sind gezählt.
Aber in ländlichen Gebieten bleibt es anders. Eine Tankstelle in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern oder im Allgäu ist oft die einzige Infrastruktur. Dort wird Benzin noch lange verfügbar sein - weil niemand eine Ladesäule aufbaut, wenn nur 50 Autos vorbeikommen. Die Politik hat das erkannt: In Deutschland gibt es Programme, die kleine Tankstellen mit E-Ladestationen unterstützen. Aber nicht alle schaffen es. Die Zukunft der Tankstelle ist hybrid: Benzin für Notfälle, Elektro für den Alltag.
Was ist mit LKW, Schiffen und Flugzeugen?
Elektroautos sind einfach. Ein Auto hat eine begrenzte Menge an Energie, und die Batterie passt in den Unterbau. Aber ein Frachtschiff? Ein Jumbo-Jet? Da geht es um Tonnen, nicht um Kilos. Die Batterien, die man braucht, wären so schwer, dass das Flugzeug gar nicht mehr abheben könnte.
Daher setzen Schifffahrt und Luftfahrt auf andere Lösungen: grünen Wasserstoff, Ammoniak oder synthetische Kraftstoffe. Die Marine der USA testet bereits E-Fuel in Schiffen. Lufthansa hat 2025 begonnen, 10 % ihres Kerosins durch synthetisches Treibstoff zu ersetzen. Diese Technologien brauchen Jahrzehnte, um sich durchzusetzen. Aber sie halten Benzin und Diesel in diesen Bereichen am Leben - auch wenn es nicht mehr aus der Erde kommt.
Die politischen und wirtschaftlichen Hebel
Es ist nicht nur die Technik, die den Ausstieg aus Benzin bestimmt. Es ist die Politik. In der EU ist die CO₂-Steuer auf fossile Kraftstoffe seit 2023 auf 120 Euro pro Tonne gestiegen. In Deutschland zahlt man heute mehr Steuern auf Benzin als auf Elektrizität. Das macht Benzin langsam unrentabel - nicht weil es nicht mehr da ist, sondern weil es teuer wird.
Und dann gibt es noch die Ölindustrie. Die großen Konzerne wie BP, Shell oder ExxonMobil investieren Milliarden in Windparks, Wasserstoff und Batterie-Recycling. Sie wissen: Die Zukunft liegt nicht mehr im Erdöl. Sie wollen nicht sterben. Sie wollen sich neu erfinden. Und das beschleunigt den Wandel.
Was bleibt - und was nicht
Wird es in 20 Jahren noch Benzin geben? Ja - aber nur noch als Nischenprodukt. Für Oldtimer, für Notfälle, für Flugzeuge, für Schiffe. Für Fahrzeuge, die nicht elektrifiziert werden können. Es wird nicht mehr der Standard sein. Nicht mehr das, was du jeden Tag siehst.
Was verschwindet? Der Alltag mit der Tankstelle. Die Routine, Benzin zu kaufen, weil es da ist. Die Vorstellung, dass Autos nur mit Benzin fahren. Diese Welt ist vorbei. Die neue Welt ist elektrisch, digital, vernetzt. Und sie fährt mit Strom - nicht mit Erdöl.
Wenn du heute ein neues Auto kaufst, entscheidest du dich nicht nur für eine Marke. Du entscheidest dich für eine Zukunft. Und die Zukunft hat keine Benzin-Tankstelle mehr.
Wird Benzin bis 2046 noch erhältlich sein?
Ja, aber nur begrenzt. In Ländern mit schwacher Elektroinfrastruktur, für Oldtimer und spezielle Anwendungen wie Flugzeuge oder Schiffe wird synthetisches Benzin oder herkömmliches Benzin noch verfügbar sein. In Europa und Nordamerika wird es jedoch kaum noch an Tankstellen zu finden sein. Die Nachfrage sinkt rapide, und die Produktion wird auf Nischenprodukte reduziert.
Können alte Autos mit E-Fuel betrieben werden?
Ja, fast alle Verbrennungsmotoren können mit synthetischem Benzin (E-Fuel) betrieben werden. Es ist chemisch nahezu identisch mit herkömmlichem Benzin. Die Motoren brauchen keine Modifikationen. Der Nachteil: E-Fuel ist sehr teuer und energieintensiv herzustellen. Es lohnt sich nur für Fahrzeuge, die nicht elektrifiziert werden können - wie klassische Motorräder, Flugzeuge oder historische Fahrzeuge.
Warum setzen Autobauer wie Toyota noch auf Hybridtechnik?
Toyota und andere Hersteller sehen die Welt als ungleich. In vielen Ländern gibt es keine Ladesäulen, kein stabiles Stromnetz und keine Kaufkraft für Elektroautos. Hybridfahrzeuge brauchen kein Ladekabel, fahren mit Benzin und sparen trotzdem bis zu 40 % Kraftstoff. Sie sind eine Übergangslösung - und für Millionen Menschen die einzige realistische Option, bis Elektroautos wirklich überall verfügbar sind.
Ist E-Fuel klimaneutral?
Nur, wenn der gesamte Herstellungsprozess mit erneuerbarem Strom läuft. E-Fuel wird aus Wasserstoff und CO₂ hergestellt - und wenn das CO₂ aus der Luft gesaugt wird und der Strom aus Wind oder Sonne kommt, dann ist das Ergebnis klimaneutral. Aber wenn der Strom aus Kohle kommt, dann ist E-Fuel sogar schädlicher als normales Benzin. Die Klimabilanz hängt also vom Energiequell ab - nicht vom Kraftstoff selbst.
Was passiert mit alten Tankstellen?
Viele werden zu Ladezentren umgebaut - mit Superchargern, Schnellladern und manchmal auch kleinen Geschäften oder Cafés. In ländlichen Gebieten bleiben sie oft als Hybridstationen bestehen: ein oder zwei Benzin-Pumpen für Notfälle, dazu mehrere Ladepunkte. In Städten verschwinden sie komplett. Die Fläche wird für Wohnungen, Parkplätze oder Ladestationen genutzt. Die Zukunft der Tankstelle ist keine Tankstelle mehr.