Elektroautos gelten als die Zukunft der Mobilität - sauber, leise, modern. Doch hinter der rosigen Fassade steckt eine kontroverse Debatte, die immer lauter wird. Wer behauptet, Elektroautos seien einfach besser, ignoriert wichtige Probleme. Und wer sie pauschal ablehnt, verkennt, wie sehr sich die Technik in den letzten Jahren verändert hat. Die Wahrheit liegt dazwischen - und sie ist komplex.
Die CO2-Bilanz ist nicht immer besser
Eines der größten Argumente für Elektroautos ist die angebliche Null-Emission. Doch das stimmt nur, wenn man den Strom aus der Steckdose ignoriert. In Deutschland wird noch immer knapp 40 % des Stroms aus Kohle und Gas erzeugt. Das bedeutet: Ein Elektroauto, das mit diesem Strom geladen wird, emittiert nicht null, sondern etwa 70-100 Gramm CO2 pro Kilometer. Vergleichbar mit einem modernen Diesel. Erst wenn du Ökostrom nutzt, wird das Auto wirklich klimafreundlich. Und das tun viele nicht. In Deutschland haben nur etwa 15 % der Elektroauto-Besitzer eine eigene Solaranlage. Der Rest lädt am öffentlichen Netz - und damit oft mit konventionellem Strom.
Batterieproduktion: Ein Umweltkatastrophe?
Die Batterie ist das Herzstück des Elektroautos - und auch sein größter Umweltbelastungsfaktor. Für eine durchschnittliche Autobatterie (60-80 kWh) werden etwa 150-200 kg Lithium, Kobalt, Nickel und Graphit benötigt. Die Gewinnung dieser Rohstoffe ist oft mit schwerwiegenden Umweltschäden verbunden. In der Demokratischen Republik Kongo wird Kobalt unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut - oft von Kindern. In Chile wird das Wasser aus Wüstenregionen abgepumpt, um Lithium zu gewinnen. Das führt zu Trockenheit, Landverlust und Zerstörung von Ökosystemen. Und das alles, bevor das Auto überhaupt auf die Straße kommt.
Die Herstellung einer Elektroautobatterie erzeugt 40-70 % mehr CO2 als die Herstellung eines Verbrennungsmotors. Ein Tesla Model Y braucht etwa 15 Tonnen CO2-Äquivalent für seine Batterie - das entspricht den Emissionen eines Benziners über fünf Jahre. Erst nach etwa 80.000 bis 120.000 km Fahrt (je nach Strommix) gleicht das Elektroauto diese Emissionen aus. Für viele Fahrer, die nur kurzfristig ein Auto nutzen, bleibt das eine bittere Rechnung.
Recycling? Ein großes Fragezeichen
Was passiert mit der Batterie, wenn sie nach 8-12 Jahren ihre Leistung verliert? Die Industrie verspricht Recycling - doch die Realität ist anders. Derzeit werden in Europa weniger als 5 % der Lithium-Ionen-Batterien wirtschaftlich recycelt. Der Rest landet in Mülldeponien oder wird illegal exportiert. Warum? Weil es billiger ist, neue Rohstoffe zu importieren, als alte Batterien zu zerlegen. Die Technik existiert - aber sie ist teuer, komplex und nicht skalierbar. Einige Unternehmen wie Umicore oder Northvolt arbeiten daran, aber die Infrastruktur fehlt. Bis 2030 werden in Europa jährlich über 1 Million Tonnen alte Autobatterien anfallen. Wo sollen die hin?
Stromnetz und Ladeinfrastruktur: Überlastet?
Stell dir vor, jeder dritte Pkw in Deutschland wäre elektrisch - das wäre ein Stromverbrauch von etwa 60 Terawattstunden pro Jahr. Das ist mehr als der gesamte Stromverbrauch von Österreich. Das deutsche Netz ist nicht dafür ausgelegt. In ländlichen Regionen reichen die Leitungen nicht aus, um mehrere Elektroautos gleichzeitig zu laden. In Städten wie München oder Berlin gibt es schon jetzt Wartezeiten an öffentlichen Ladepunkten. Die Ladeinfrastruktur wächst - aber viel zu langsam. 2025 soll es in Deutschland 1 Million öffentliche Ladepunkte geben. Aktuell sind es 110.000. Der Abstand zwischen Ziel und Realität ist riesig.
Preis und Kaufkraft: Nur für Wohlhabende?
Ein VW ID.3 kostet heute rund 30.000 Euro - und das ist das günstigste Elektroauto mit vernünftiger Reichweite. Ein vergleichbarer Golf mit Verbrenner kostet 22.000 Euro. Die Differenz von 8.000 Euro ist für viele Haushalte untragbar. Selbst mit Förderung bleibt das Auto oft unerschwinglich. Und wer in einer Mietwohnung wohnt, kann nicht einfach eine Wallbox installieren. In Deutschland leben 55 % der Menschen in Mietwohnungen - und viele davon ohne Parkplatz. Für sie ist ein Elektroauto praktisch unmöglich. Die Elektromobilität wird so zur Luxuslösung - nicht zur gesellschaftlichen Lösung.
Wem nutzt die Elektromobilität wirklich?
Die große Industrie profitiert. Tesla, Volkswagen, BMW - sie investieren Milliarden und gewinnen Marktanteile. Die Zulieferer für Batterien, Lithium und Software verdienen mit. Aber was ist mit den Menschen, die ihre alten Benziner noch fahren, weil sie keine Alternative haben? Was ist mit den Arbeitern in der Automobilindustrie, deren Jobs durch Elektromotoren gefährdet sind? Ein Elektromotor hat 80 % weniger Bauteile als ein Verbrenner. Das bedeutet: weniger Arbeitsplätze. In Deutschland sind 300.000 Menschen direkt in der Automobilproduktion beschäftigt. Viele davon in Regionen, die ohnehin schon unter Strukturbruch leiden.
Und was ist mit den Ländern, die auf Öl und Gas setzen? Saudi-Arabien, Russland, Venezuela - sie verlieren Einkünfte. Aber das ist kein Grund, die Elektromobilität zu stoppen. Es ist ein Grund, sie gerecht zu gestalten.
Was ist die Lösung?
Elektroautos sind nicht die Antwort auf alles. Sie sind eine Antwort - aber nicht die einzige. Besser wäre ein Mix: mehr öffentlicher Nahverkehr, mehr Radwege, weniger Autoverkehr, bessere Energiepolitik. Elektroautos haben ihre Berechtigung - vor allem in Städten, für Kurzstrecken, mit Ökostrom. Aber sie können nicht alle Probleme lösen. Wer sie als Allheilmittel verkauft, lügt. Wer sie komplett ablehnt, versteht die Technik nicht.
Die Wahrheit ist einfach: Elektroautos sind kein Sieg. Sie sind ein Werkzeug. Und wie jedes Werkzeug - sie kann gut oder schlecht genutzt werden. Der Schlüssel liegt nicht im Auto, sondern im System, das es umgibt: in der Energieerzeugung, in der Rohstoffgewinnung, in der Infrastruktur und in der sozialen Gerechtigkeit.
Sind Elektroautos wirklich umweltfreundlicher als Benziner?
Ja - aber nur unter bestimmten Bedingungen. Wenn das Auto mit Ökostrom geladen wird und über mindestens 80.000 bis 120.000 Kilometer gefahren wird, dann ist die Gesamtbilanz besser. Bei konventionellem Strom und kurzen Fahrzeugnutzungen ist der Vorteil gering oder sogar negativ. Die Herstellung der Batterie ist besonders klimaintensiv.
Warum sind Elektroautos so teuer?
Der Hauptgrund ist die Batterie. Lithium, Kobalt und Nickel sind teure Rohstoffe, deren Gewinnung und Verarbeitung komplex und energieintensiv ist. Zudem sind Elektroautos noch in kleinerer Serie produziert, was die Kosten erhöht. Auch die neue Technik - Software, Elektronik, Leistungselektronik - kostet mehr als ein klassischer Verbrennungsmotor.
Kann man Elektroautos wirklich überall laden?
Nein. In ländlichen Gebieten und in Mietwohnungen fehlt oft die Infrastruktur. In Deutschland gibt es nur 110.000 öffentliche Ladepunkte - für 48 Millionen Pkw. Das ist zu wenig. Viele Ladepunkte sind außerdem defekt, blockiert oder nicht kompatibel. Wer nicht über eine eigene Lademöglichkeit verfügt, hat oft Schwierigkeiten.
Was passiert mit alten Elektroautobatterien?
Derzeit werden weniger als 5 % der Autobatterien in Europa recycelt. Die meisten werden gelagert, exportiert oder entsorgt. Die Technik zum Recycling existiert, aber sie ist teuer und nicht skalierbar. Unternehmen wie Umicore und Northvolt arbeiten daran, aber es gibt keine flächendeckende Infrastruktur. Bis 2030 wird das Problem massiv anwachsen.
Ist die Rohstoffgewinnung für Batterien ethisch vertretbar?
Nein - zumindest nicht so wie heute. In der Demokratischen Republik Kongo wird Kobalt oft von Kindern unter gefährlichen Bedingungen abgebaut. In Chile und Australien wird Wasser aus trockenen Regionen abgepumpt, um Lithium zu gewinnen. Das zerstört lokale Ökosysteme und Lebensgrundlagen. Es gibt Zertifizierungen, aber sie sind nicht durchsetzbar. Die Industrie hat das Problem erkannt - aber noch keine Lösung, die wirklich funktioniert.